| “Nexus” oder: Über den Zusammenhang von Spontanität und Kalkül im Werke des Malers Michael Prax
Ein in Oberbayern geborener Kesselschmied, der auch als Kunstschmied ausgebildet wurde und in diesem Metier einst kinetische Edelstahlarbeiten ausführte, der energisch zur “freien Kunst” drängte, die Kunsthochschule jedoch floh, kaum daß er sie betreten hatte, weil er dort nicht die Entfaltung seines Talentes gefördert sah, sondern sich akademisch bevormundet meinte, der in Berlin Häusern neue Fassaden in einer solchen Art malte, daß sie ein absolut neues und völlig verwirrendes Aussehen annahmen - d. h. in allerbester Tradition einer aufs Äußerste getriebenen illusionistischen Raumdarstellung -, und seit einigen Jahren am Bodensee lebt, dort malt und taucht: das ist Michael Prax.
Dieser Blick auf die Biographie vermittelt zumindest zwei Erkenntnisse: Michael Prax ist solid handwerklich ausgebildet. Dieses Fundament wird er nicht verlassen, d. h., für ihn ist in allem Tun handwerklich-technische Solidität eine unabdingbare Voraussetzung, und er wird jegliches Werk, gleich ob künstlerisch oder nicht, auf diesen Tatbestand hin prüfen. Vorausgeschickt sei, daß seine Gemälde diesem Grundsatz selbstverständlich folgen und derartigen Prüfungen standhalten. Zum anderen setzt er sich gern ungewöhnlichen Situationen aus: Tauchgänge im Bodensee (der wohl auch so wegen seiner Bodenlosigkeit benannt wurde) entrücken ihn in eine Welt unter Wasser, die ebenso wirklich wie unwirklich ist, der die Begrenzungen unseres Erlebens irdischer Räume fehlen, eine Welt der Weite wie der Tiefe, der Gefahren wie der Träume. In ihr ist der Künstler “entrückt”, den begrenzten Erfahrungsräumen entzogen. Er begibt sich in eine neue Wirklichkeit, in neue Räume, beherrscht von einer Farbe, vom Blau. Diese andere Realität, wirklich gleichermaßen wie die oberirdische, ist verbunden mit einem Zwang, dem nämlich zur Ordnung, zur vorgeplanten und streng logisch organisierten Konsequenz des Handelns; Chaos im Sinne von spontanem Ad-hoc Entscheiden würde eine Kettenreaktion möglicher Gefährdungen heraufbeschwören und könnte lebensbedrohend sich auswirken. Diese zwingende Notwendigkeit mag durchaus ein Gegenstück in Entscheidungen des Malers finden, der in seinen Werken nach Ordnung in Fläche und Raum strebt, der Punkt, Linie, Fläche und Körper in Bezugssysteme einbindet, die irreal erscheinen und doch logisch sind durch konsequente Verknüpfungen ihrer Elemente.
Es kann dem Maler durchaus geglaubt werden, wenn er sagt, daß dieser Schritt hin zur Ordnung im Chaos ihm zunächst nicht leichtgefallen sei angesichts einer künstlerischen Haltung, die sich dem Spontanen verschrieben hatte, vom informellen Malimpuls geleitet sich wußte, wobei das Bild sich letztlich aus dem Zufall des Augenblicks formte und daß noch immer unter seinen anscheinend kühl berechneten Bildkonstruktionen “wilde” Malaktionen sich verbergen. In den letzten Jahren hat er diesem spontanen Element seiner Kunst wieder mehr nachgegeben, wovon die Bilder der Serien “Dynamik”, “Alpha et Omega Reconnaissance” (die Erkundung des Anfangs wie des Endes) und vor allem “Nexus” zeugen. Letztere Gemälde deuten bereits in ihrem Titel darauf hin, daß in ihnen eine Verknüpfung stattgefunden hat, denn das lateinische Wort “nexus” bedeutet im Deutschen “Verbindung, Verknüpfung, Zusammenhang”. Miteinander verbunden wurde in ihnen die Ordnung der Geometrie eindeutig begrenzter Flächen, ein Element rationaler Überlegung also mit der Dynamik eines momentanen Malaktes, d. h. mit einem Element spontanen Handelns.
In unmittelbaren Zusammenhang wurde gebracht die zweidimensionale Endlichkeit der Malfläche mit der irrationalen Unbegrenztheit eines Farbraumes, “Ordnung und Chaos” also vereint. Michael Prax scheint in sich vereinen zu können die rationale Klarheit und Logik eines konstruierenden Ingenieurs mit der Irrationalität eines Malers, dessen Bildwelten außerhalb des allgemein zugänglichen Erfahrungsraumes sich befinden und der doch keineswegs als surrealistischer Künstler zu bezeichnen wäre, der aus Erfahrungswirklichkeiten eigener, d. h. extrem subjektiver und nur ihm deutbarer Träume schöpft. Das Gegenteil ist der Fall: der Künstler ist der Wissenschaftlichkeit unseres Zeitalters direkt zugewendet und weiß um die Realitäten, die vor allem die Naturwissenschaften neu in unseren Tagen erschlossen haben, weiß um das Eindringen in die Dinge, die Entschlüsselung von Geheimnissen der Materie wie der Funktionen des Lebens und kennt die neuen Bildwelten, die die Erkundungen des Kosmos durch den die Erde aus den Fernen des Kosmos erlebenden Menschen uns geschenkt haben. Er weiß darum, welch geheime Reize diese Bilder eines anscheinend grenzenlos in die Tiefen des Unerfaßlichen sich erstreckenden Raumes auf den heutigen Menschen auszuüben vermögen, und er stellt diese Reize in den Dienst seiner Imaginationen. Sie sind immer wieder geprägt durch die Verbindung der Geometrie der Flächen mit der scheinbaren Dreidimensionalität illusionistisch sich aus der Fläche erhebender Körper, beispielsweise von Kugeln, die aus Raumtiefen auftauchen oder umgekehrt die Grenzen der Fläche zu durchstoßen scheinen.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß die Titel seiner Bilder für Michael Prax ein wesentliches Detail des Kunstwerkes selbst sind und keineswegs nur als beiläufig zu gelten haben. Sie sind vielmehr untrennbarer, integrierter Bestandteil der Werke. In ihnen findet das bildnerische Denken des Künstlers seinen verbalen Ausdruck. Titel weisen auf jene Komponenten hin, die erwähnt wurden. Es fällt auf, daß Michael Prax wiederholt den Begriff des Konstruktiven verwendet. So heißen Gemälde sowohl “Konstruktion der Wirklichkeit” wie “Konstruktion der Wahrscheinlichkeit” oder auch “Konstruktion der Zeit”. Mehrfach tauchen Begriffe auf wie “Dynamik”, “Netzwerk”, “Dimension” (z. B. auch “Dimension des Schach”). Eine Arbeit benennt er “Static Reality”, während er ein anderes Gemälde als “Dark Star”, als “dunklen Stern” bezeichnet und mit einem anderen ein “Raumzeichen” setzt. Mit weiter Entferntheit haben letztlich auch seine “Antarktis” benannten Bilder zu tun. Wenn er als Titel den sonst nur im Bereiche der Musik verwendeten Begriff “lntervall” verwendet, dann meint er damit sehr wohl den ahnbaren Abstand zwischen der Realität der Bildfläche und der Irrealität des Bildraumes. “Transparenz” ist für ihn eine “Impression”, eben der Verwandelbarkeit des Begrenzten in die Unbegrenztheit eines geistigen Raumes unendlicher Tiefendimension. Vieles im Werk von Michael Prax ist eben “up and down”, ebenso nach oben wie nach unten weisend, wie er ein Bild aus diesem Jahre benannte.
Aufgeschlossen den neuen Bildwelten unseres Zeitalters ist der Künstler beteiligt an der heute vielerorts bemerkbaren Wandlung des Begriffes “Bild”. Die Epoche unbegrenzten Auslebens des malerischen Gestus als wesensbestimmendes Element scheint vergangen und eine Epoche der Anabasis der Bilder zu erahnen, des Wiederheraufkommens neuer Bilder, die nicht mehr allein der Subjektivität des Künstlers ihre Existenz verdanken, sondern in denen neue Realitätserfahrungen des Künstlers sich manifestieren. Sie stehen in Beziehungen zu den Erfahrungen des Eindringens in den Kosmos einerseits mit den daraus abzuleitenden Veränderungen unserer Vorstellungen von Endlichkeit und Begrenztheit wie auch andererseits mit der Anerkennung absolut künstlicher Bildwelten des Computers. Gerade diese betonen das Element der Ordnung in besonderer Weise, der logischen Verknüpfung scheinbar ungeordneter Einzelelemente und daraus folgender harmonischer Struktur des Bildganzen. Insgesamt also eine Wiederkehr nachgerade klassischer Begrifflichkeit der Bilder auf völlig neuer Grundlage.
Im Zusammenhang mit der eingangs benannten handwerklichen Solidität der Bilder von Michael Prax stehen seine Experimente mit reinen Farbpigmenten, die er direkt in den Bildträger einreibt, und mit Bildoberflächen, die wesentlich aus Quarzsand bestehen. Strebt er bei seinen Bildoberflächen oftmals eine Glätte an, die Kühle verbreitet und Distanz schafft, die sozusagen jegliche Subjektivität scheinbar negiert und statt dessen den Anschein objektiver Entstehung suggeriert, so durchbricht er diesen Charakter durch die Materialität der reinen Farbpigmente, beispielsweise des Kobalt. Die plötzlich vorgefundene Materialität, das sozusagen haptische Element durchbricht in Wahrheit die Begrenztheit der Bildoberfläche und damit des Bildes selbst und öffnet Tiefenräume, die auf andere Weise wohl nicht erreichbar wären. Blau als Farbe der Tiefe wie der Ferne, der Nacht wie der Unendlichkeit, des uns Unzugänglichen oder nur in Träumen Erreichbaren erlangt in diesen Arbeiten von Michael Prax einen bisher nur diesen eigenen Ausdruck. Völlig anders seine Bilder mit Quarzsandoberflächen. Sie künden vom Licht, von Klarheit und Ordnung. Zunächst zwar einer Ordnung im Geiste, die aber sehr wohl die Ordnung irdischer Vorgänge, etwa von Lebenswirklichkeiten beeinflussen kann. Es sind sozusagen die philosophischen Bilder des Michael Prax, und nicht ohne Bedacht nennt er eines von ihnen “Das Maß der Dinge”. Darum schließlich scheint es insgesamt in seinen Arbeiten zu gehen: Ordnung zu finden. Chaos als geordneten Zufall zu nutzen und ein Maß zu suchen, das es erlaubt, Bildwirklichkeiten und Lebensrealitäten in ein System zu binden, das künstlerischen Bildern einen Platz im Alltäglichen schafft, die Virtualität des Kunstwerkes einverwandelt der Realität menschlicher Existenz. Auf diese Weise also ist im Werke von Michael Prax das spontane Moment mit rationaler Planung und logischer Entscheidung verbunden, und “nexus” erweist sich als ein Schlüsselwort zu seinem Schaffen.
Rainer Behrends / Kunstkatalog Michael Prax vom Passage-Verlag 1995
(ISBN3+9803465-7-9)

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