Konstruktiver Impressionismus - Wellenbilder von Michael Prax"
Wellen" sind das zentrale Thema der neuen Arbeiten von Michael Prax. Das Erste was daran auffällt, ist der rationale, konstruktivistische Aufbau. Verschiedene Rhythmen, subtil abgestimmte Farbfelder oder Strukturen überlagern sich wie die Wellen bei Interferenzen.
Ein Leuchten, das von innen herauskommt, macht die Begegnung mit den Gemälden zu einem Erlebnis. Prax erreicht diese Wirkung durch eine Lasurtechnik, bei der er die Farben in feinen Schichten übereinander legt. Die Feinheit dieser Technik verführt den Betrachter zur intensiveren Auseinandersetzung mit den Werken.
Die Lasurtechnik wurde bereits im Mittelalter bei den großen Tafelbildern entwickelt. Prax hat sie für sich neu entdeckt und in seiner zeitgenössischen Malerei umgesetzt. Die Feinheit dieser Technik erkennt man erst richtig, wenn man sich auf die Bildern einläßt. Dann erst wird man gewahr, daß die vermeintlich einfarbige Kontrastfläche aus mehreren Blautönen zusammengesetzt ist: einem Pariser Blau und einem Ultramarin beispielsweise, welche in ihremZusammenwirken und durch die gelegentlich mit einem intensiven Weiß gehöhte Linie ein intensives Strahlen bedingen. Durch den Bildaufbau und die Farbkontraste erreicht der Künstler eine dynamische Gesamtwirkung.
Überall scheint es zu pulsieren, so als ob Wellen aus dem unendlichen Raum kommen und sich erst vor den Augen des Betrachters zu eindrucksvollen Bildern formen würden. Vor der beschriebenen Kontrastfläche treffen Bewegung und Gegenbewegung aufeinander. Bei den neueren Arbeiten legt Prax manchmal eine transparente Fläche mit beigemischtem Quarzsand über die Farbe und betont so das haptische Moment. Von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen läßt sich Prax bei seinen Arbeiten weniger leiten als von natürlichen Eindrücken.
Die Unterwasserlandschaft oder die Wellen im Sand scheinen bei seinen Bildern Pate zu stehen. Eines seiner beeindruckendsten Bilder, das bei der Ausstellung in der Mann-heimer Galerie Camue (noch bis 7. Januar) zu sehen ist, ist ein Bild, das, wie er erklärte, vom Tauchen am "Teufelstisch", einem Unterwasserfelsen im Bodensee, inspiriert war. In den Gemälden von Prax verbinden sich, obwohl es auf den ersten Blick nicht so scheint, impressionistische Inspiration und rationale Komposition.
Nichts ist dem Zufall überlassen.Die Ränder, an denen verschiedene Farbflächen aufeinandertreffen, sind Zonen, denen Prax besondere Aufmerksamkeit schenkt. An diesen Rändern passiert unheimlich viel," sagt derKünstler. Und in der Tat scheinen sich in diesem Bereich die Farbflächen regelrecht zu wellen. Der Betrachter ist geneigt, hier die Leinwand glattzustreichen und entdeckt erst beim näheren Hinsehen, daß er eine visuelle Täuschung unterlegen ist.
Zum Material und zur handwerklichen Präzision hat der 1961 in Oberbayern geborene Künstler einen besonderen Bezug. Er hat eine Lehre als Kunstschmied absolviert und in Berlin als Fassadenmaler (Kunst am Bau) gearbeitet. Ende der achtziger Jahre schuf er kinetische Skulpturen aus Edelstahl. Seit 1988 lebt er in Singen am Bodensee. Neben der erwähnten Galerie Camue waren Arbeiten von ihm bereitsin München, Frankfurt und Berlin zu sehen. 1993 erhielt er den Kunstförderpreis des City Ring der Stadt Singen.
Text: Helmut Orpel / Erschienen im ART-PROFIL,
Heft Januar-Februar 1998 / ISSN-Nr. 1430-4821
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